- Startseite
- Aktuelles
- Handskizze zur Fertigungsunterlage
Von der Handskizze zur Fertigungsunterlage
Viele Kabelbäume beginnen als Strichzeichnung auf einem Blatt Papier. Für den Einstieg reicht das, für die Fertigung nicht: Dort hängt jeder Handgriff an maßhaltigen Unterlagen. Dieser Beitrag zeigt, welche Angaben eine Skizze tragfähig machen und welche Schritte daraus eine vollständige Fertigungsunterlage werden lassen.

Was eine Handskizze leisten muss
Eine Handskizze ist kein schlechter Anfang, sondern der übliche. Sie hält fest, was der Konstrukteur im Kopf hat: welche Geräte verbunden werden, wo die Leitungen entlanglaufen und wie lang die Äste ungefähr sind. Für das erste Gespräch und für eine grobe Einschätzung genügt das meistens.
Sie leistet aber etwas anderes als eine Zeichnung. Eine Skizze zeigt die Topologie, also wer mit wem verbunden ist und wo sich der Strang teilt. Eine Zeichnung zeigt zusätzlich Maße, Toleranzen und konkrete Bauteile, und sie ist verbindlich. Der Weg von der einen zur anderen ist kein Abtippen, sondern eine Reihe von Entscheidungen, die jemand treffen muss.
Tragfähig wird eine Skizze, wenn sie diese Punkte erkennen lässt:
- alle Anschlusspunkte mit Bezeichnung, etwa Steuergerät, Sensor, Masse
- die Äste des Strangs und die Stellen, an denen er sich teilt
- ungefähre Längen je Ast, dazu der Punkt, von dem aus gemessen wird
- die Zuordnung der Adern zu den Kontakten, mindestens als Von-nach-Liste
- was an den Enden sitzt: Steckverbinder, Ringkabelschuh oder offenes Ende
- die Einbaulage, wenn sie den Verlauf bestimmt, etwa eine enge Durchführung
Die Angaben, die am häufigsten fehlen
Vier Punkte fehlen auf Skizzen besonders oft, und genau sie halten später auf. Sie kosten keine Konstruktionszeit, wenn sie von Anfang an dabei sind, und mehrere Tage, wenn sie nachgefragt werden müssen.
Erstens die Belegung. Ein Strich zwischen zwei Steckern sagt nicht, auf welcher Kammer die Ader landet. Gebraucht wird eine Zuordnung Kontakt für Kontakt, in beide Richtungen. Bei Signalen mit Polarität, etwa CAN-High und CAN-Low, entscheidet sie über Funktion oder Fehlersuche im Feld.
Zweitens die Blickrichtung. Ein Steckgesicht, also die Ansicht auf die Kammern eines Steckverbinders, sieht von der Steckseite anders aus als von der Crimpseite: Die Kammernummern spiegeln sich. Steht nicht dabei, welche Ansicht gemeint ist, wird die halbe Belegung zur Auslegungssache. Ein kurzer Vermerk auf der Skizze genügt.
Drittens der Bezugspunkt der Maße. Abzweigmaße werden üblicherweise kumuliert von einem festgelegten Ende gemessen, nicht Abschnitt für Abschnitt. Beides ist möglich, aber es muss dabeistehen, sonst summieren sich Differenzen über den ganzen Strang auf. Gemessen wird außerdem bis zu einer klar benannten Stelle, etwa bis zur Steckverbinderrückseite oder bis zum Leitungsende.
Viertens die Leitung selbst: Typ, Querschnitt und Farbe je Ader. Wer den Querschnitt offenlässt, verschiebt eine Auslegungsfrage in die Fertigung. Wie er sich bestimmen lässt, steht im Fachartikel Leitungsquerschnitt berechnen.
Der erste formale Schritt: die Verbindungsliste
Bevor gezeichnet wird, entsteht die Verbindungsliste, im Markt auch Von-nach-Liste oder Netzliste genannt. Sie enthält eine Zeile je Ader: Quelle mit Steckverbinder und Kammer, Ziel mit Steckverbinder und Kammer, dazu Querschnitt, Farbe, Kennzeichnung und der Ast, in dem die Ader läuft.
Die Liste ist unspektakulär und trotzdem der wichtigste Schritt. Sie zwingt dazu, jede Ader einmal zu Ende zu denken. Widersprüche der Skizze fallen genau hier auf: zwei Adern auf derselben Kammer, ein Sensor ohne Masse, ein Schirm, der nirgends aufgelegt ist, eine Versorgungsader mit zu kleinem Querschnitt.
Aus der Verbindungsliste lassen sich später die Schneidliste für das Ablängen und das Programm für die elektrische Prüfung ableiten, ohne dass jemand Zahlen von Hand überträgt. Das ist der eigentliche Gewinn: eine Quelle, aus der alle weiteren Unterlagen kommen. Gibt es statt einer Skizze ein vorhandenes Muster, entsteht dieselbe Liste durch Messen und Aufnehmen. Wie das abläuft, beschreibt der Fachartikel Kabelbaum nachbauen.
Die Zeichnung: maßhaltig und im Maßstab 1:1
Aus Skizze und Verbindungsliste wird die Fertigungszeichnung. Sie zeigt den Kabelbaum flach ausgebreitet, mit Abzweigmaßen, Toleranzen, Schutzabschnitten, Kennzeichnungsstellen und den Steckgesichtern der Steckverbinder. Erst damit ist festgelegt, was gefertigt und was geprüft wird.
Für die Montage wird diese Zeichnung im Maßstab 1:1 ausgegeben, üblicherweise im Format A0. Sie ist die Vorlage auf dem Nagelbrett, das im Markt auch Formbrett heißt: Halter und Stifte werden nach der Zeichnung gesetzt, Längen und Abzweigpunkte werden abgegriffen statt umgerechnet. Zwischen Konstruktion und Montage liegt so kein Maßstabssprung. Wie das Brett aufgebaut ist, erklärt der Fachartikel Das Nagelbrett.
Liegen 3D-Daten der Einbausituation vor, lässt sich der Leitungsverlauf zuerst im Raum konstruieren und danach in die Ebene abwickeln. Längen und Biegeradien stimmen dann mit dem realen Einbau überein, statt aus geschätzten Maßen zu entstehen. Den Ablauf beschreibt der Fachartikel Kabelbaum mit EPLAN entwickeln.
Was zur vollständigen Fertigungsunterlage gehört
Die Zeichnung allein genügt nicht. Eine Fertigungsunterlage, mit der eine Serie wiederholbar läuft, besteht aus mehreren Dokumenten:
- Fertigungszeichnung mit Abzweigmaßen, Toleranzen und Steckgesichtern
- Stückliste mit Hersteller- und Teilenummer je Position, einschließlich Kontakten, Dichtungen und Blindstopfen
- Verbindungs- und Schneidliste als Grundlage für Ablängen und Crimpen
- Kennzeichnungsplan: was auf welcher Ader, welchem Ast und welchem Etikett steht
- Prüfplan mit Durchgang und Kurzschluss, bei Bedarf Hochspannung oder Funktionstest
- Angaben zu Verpackung, Bündelung und Lieferform
- Änderungsstand auf jedem einzelnen Dokument
Wie wir das bei Powertune machen
Wir arbeiten mit dem, was vorliegt: Skizze, Foto, Muster, Stückliste oder 3D-Daten. Wer keine Zeichnung hat, kann seinen Kabelbaum im Anfrageformular direkt skizzieren, mit Steckverbindern, Adern, Abzweigen und Längen. Das ersetzt keine Zeichnung, gibt uns aber eine gemeinsame Grundlage für die Rückfragen.
Die Fertigungsunterlagen erstellt unser Konstruktionsbüro mit EPLAN: Verbindungsliste, Stückliste und die 2D-Zeichnung für die Montage. Diese Zeichnung plottet unser eigener A0-Plotter im Maßstab eins zu eins. Sie wird auf ein modulares Nagelbrett gelegt, dessen Halter sich für den nächsten Auftrag umstecken lassen. Weil alle Listen aus derselben Konstruktion kommen, liegt zwischen Zeichnung, Schneidliste und Prüfprogramm keine Übertragung von Hand.
Gefertigt wird in Kitzingen nach ISO 9001, vom Muster bis zur Serie. Chargen und Prozesse sind seit 2019 vollständig rückverfolgbar, sodass zu jedem gelieferten Kabelbaum der zugehörige Stand der Unterlagen nachvollziehbar bleibt.
Schicken Sie uns Ihre Skizze oder Ihr Muster über das Anfrageformular oder per E-Mail an info@powertune.de. Ein Angebot erstellen wir in der Regel innerhalb von 2 bis 3 Werktagen, sofern die Komponenten Lagerware oder vorhanden sind. Bei komplexen Kabelbäumen dauert es länger. Was an Angaben fehlt, klären wir vorher gemeinsam.


