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EinkaufLesezeit 6 Min.

Kanban für Kabelbäume: Versorgung ohne Bestellaufwand

Kanban steuert den Nachschub über den Verbrauch statt über die Bestellung. Für Kabelbäume in gleichbleibender Ausführung nimmt das dem Einkauf viel Kleinarbeit ab. Tragfähig wird ein Regelkreis aber erst, wenn Änderungsstand, Jahresmenge und Wiederbeschaffungszeit ehrlich auf dem Tisch liegen.

Kabelbaum mit Etikett: Artikelnummer und DataMatrix-Code
Aus unserer Fertigung: Kabelbaum mit Etikett: Artikelnummer und DataMatrix-Code.

Was Kanban bedeutet

Kanban ist japanisch und heißt Karte oder Tafel. Dahinter steckt ein Prinzip aus dem Toyota-Produktionssystem: Der Nachschub wird nicht geplant, sondern vom Verbrauch ausgelöst. Wer etwas entnimmt, gibt damit zugleich das Signal zur Nachlieferung.

In der einfachsten Form ist das ein Zwei-Behälter-System. Zwei Behälter mit derselben Menge stehen an der Montage. Ist der erste leer, greift die Montage zum zweiten, und der leere Behälter geht mit seiner Karte zurück an den Lieferanten. Bis der zweite Behälter leer ist, muss der erste gefüllt wieder da sein. Der Kreislauf aus Behälter, Signal und Nachschub heißt Regelkreis.

Für den Einkauf verschwindet damit die Einzelbestellung. Es gibt je Abruf keine Bestellanforderung, keinen Bedarfstermin und keine Auftragsbestätigung. Gerahmt wird stattdessen einmal: Preis, Jahresmenge, Behältergröße, Wiederbeschaffungszeit und Laufzeit stehen im Vertrag, der Rest läuft über das Signal.

Wann sich das für Kabelbäume eignet

Ein Regelkreis braucht eine ruhige Grundlage. Bei Kabelbäumen heißt das vor allem: Der Änderungsstand muss stehen. Jede Zeichnungsänderung entwertet auf einen Schlag den Bestand in den Behältern, wenn die alte Ausführung nicht mehr verbaut werden darf.

Die zweite Bedingung ist ein einigermaßen gleichmäßiger Verbrauch. Teile mit regelmäßigem Abgang über das Jahr eignen sich, Teile mit wenigen großen Ausschlägen nicht. In der Einteilung nach ABC und XYZ, also nach Wert und nach Schwankung des Verbrauchs, sind das die X- und Y-Teile.

Nicht geeignet sind Prototypen, Einzelstücke und alles, was noch in der Erprobung steckt. Dort ändert sich die Stückliste zu oft. Wie man an dieser Stelle sauber zwischen Muster und Serie trennt, steht im Beitrag zur Serienfertigung.

  • Geeignet: freigegebener Änderungsstand, gleichbleibende Ausführung
  • Geeignet: planbare Jahresmenge mit regelmäßigem Abgang
  • Geeignet: überschaubare Zahl von Varianten je Regelkreis
  • Ungeeignet: Prototypen, Einzelstücke, häufige Zeichnungsänderungen
  • Ungeeignet: Kabelbäume mit unsicherer Beschaffungslage bei Kontakten oder Steckverbindern

Die Auslegung: wie viele Behälter

Die Zahl der Karten im Kreis bestimmt den Bestand. Sie ergibt sich aus dem Bedarf, der Wiederbeschaffungszeit und der Menge je Behälter. Die gebräuchliche Rechnung lautet: Kartenzahl gleich Tagesbedarf mal Wiederbeschaffungszeit in Tagen mal (1 plus Sicherheitszuschlag), geteilt durch die Menge je Behälter. Aufgerundet wird immer.

Rechenbeispiel: 40 Stück am Tag, 15 Arbeitstage Wiederbeschaffungszeit, 20 Prozent Sicherheitszuschlag und 100 Stück je Behälter ergeben 40 mal 15 mal 1,2 geteilt durch 100, also 7,2 und damit 8 Karten. Im Kreis liegen dann 800 Stück, rund 20 Arbeitstage Bedarf.

Die Rechnung zeigt den eigentlichen Hebel. Über den Bestand entscheidet nicht der Sicherheitszuschlag, sondern die Wiederbeschaffungszeit. Bei Kabelbäumen ist sie selten kurz, denn sie umfasst nicht nur Fertigung und Transport, sondern auch die Beschaffung von Leitungen, Kontakten und Steckverbindern. Wer Bestand senken will, fragt deshalb zuerst, welche Bauteile die Zeit bestimmen, und ob sich für genau diese ein Vorratsbestand beim Lieferanten vereinbaren lässt.

Der zweite Hebel ist die Behältergröße. Kleine Behälter senken den Bestand, erhöhen aber die Zahl der Umläufe und damit Transport- und Buchungsaufwand. Sinnvoll ist eine Menge, die zur Verpackungseinheit und zum Platz an der Montage passt.

  • Tagesbedarf: Jahresmenge geteilt durch die Zahl der Arbeitstage
  • Wiederbeschaffungszeit: Signal, Materialbeschaffung, Fertigung, Transport und Einlagerung zusammen
  • Sicherheitszuschlag: deckt Schwankungen ab, je nach Verbrauch meist 10 bis 30 Prozent
  • Menge je Behälter: bestimmt die Körnung des Kreises

Spielarten: Karte, Konsignation, elektronischer Abruf

Die Papierkarte am Behälter ist nur eine von mehreren Möglichkeiten. Die Varianten unterscheiden sich vor allem in zwei Punkten: wem der Bestand gehört und wie das Signal läuft.

Für Kabelbäume ist die Konsignation beliebt, weil sie den Bestand aus der eigenen Bilanz nimmt. Sie verschiebt das Risiko allerdings nur. Wer sie anbietet, rechnet sie in den Preis, und die Frage nach den Restbeständen bei einer Änderung stellt sich genauso. Sie gehört in den Vertrag, nicht in die Mail nach dem ersten Streitfall.

  • Klassisches Kanban: Der Bestand gehört dem Kunden, Signal ist die Karte oder der leere Behälter.
  • Elektronisches Kanban: Das Signal kommt aus dem ERP-System oder per Scan eines Codes am Behälter, mit nachvollziehbarem Zeitstempel.
  • Konsignationslager: Die Ware steht beim Kunden, gehört bis zur Entnahme aber dem Lieferanten. Abgerechnet wird nach Verbrauch.
  • Lieferabruf aus dem Rahmenvertrag: kein echter Regelkreis, im Aufwand aber ähnlich schlank. Die Menge steht fest, die Termine ruft der Kunde ab.

Woran Regelkreise scheitern

Der häufigste Fehler ist der Änderungsstand. Wird die Zeichnung geändert, liegen fertige Kabelbäume im Kreis, die niemand mehr einbauen darf. Regeln Sie vorher, wer Restbestände übernimmt und wie lange die alte Ausführung noch abgerufen wird. Eine Frist von wenigen Tagen reicht selten, weil beim Lieferanten bereits zugeschnittene Leitungen und bestückte Kontakte liegen.

Der zweite Fehler steckt in den Bauteilen. Ein Kabelbaum besteht aus Leitungen, Kontakten, Steckverbindern, Dichtungen und Schutzmaterial. Wird ein Steckverbinder vom Hersteller abgekündigt, hilft der beste Regelkreis nicht weiter. Es lohnt sich, bei der Einrichtung einmal durch die Stückliste zu gehen und die kritischen Positionen zu markieren.

Der dritte Fehler ist die stille Verschiebung des Verbrauchs. Ein Kreis regelt sich nicht von selbst nach, wenn die Jahresmenge um die Hälfte steigt oder fällt. Die Auslegung gehört regelmäßig auf den Tisch, am besten zusammen mit der Frage, ob Behältermenge und Zahl der Karten noch passen. Welche Stellschrauben darüber hinaus auf den Preis wirken, steht im Beitrag Kabelbaumkosten senken.

  • Änderungsstand: Übernahme der Restbestände schriftlich vereinbaren
  • Abkündigungen: kritische Bauteile in der Stückliste kennzeichnen
  • Verbrauch: Auslegung regelmäßig prüfen, nicht erst bei einer Störung
  • Lagerung: Behälter und Verpackung so wählen, dass Kontakte und Dichtungen geschützt bleiben
  • Rückverfolgbarkeit: Die Charge muss am Kabelbaum lesbar bleiben, auch nach dem Umpacken

Wie wir damit umgehen

Rahmenverträge mit Abrufen sind bei uns ohne Weiteres möglich, ebenso die Versorgung Ihrer Montage über Kanban-Regale. Wir fertigen in Kitzingen, vom Muster bis zur Serie, und planen die Fertigungsaufträge im MES nach Termin und Priorität.

Zwei Dinge erleichtern verbrauchsgesteuerte Modelle im Alltag. Erstens führen wir seit 2019 eine lückenlose Chargen- und Prozessrückverfolgbarkeit, jeder Kabelbaum ist also auch Monate später seinen Bauteilen und Prozessdaten zuzuordnen. Zweitens kennzeichnen wir nach Ihrer Vorgabe, zum Beispiel mit Etikett, Artikelnummer und DataMatrix-Code. Damit bleibt die Zuordnung lesbar, wenn die Behälter bei Ihnen stehen und der Abruf über einen Scan läuft.

Ob ein Regelkreis für Ihr Teil trägt, hängt am Änderungsstand, an der Jahresmenge und an den Bauteilen mit der längsten Beschaffungszeit. Das rechnen wir gern gemeinsam durch, bevor daraus ein Vertrag wird. Schicken Sie uns Zeichnung, Stückliste und geplante Jahresmenge über das Kontaktformular. Ein Angebot erhalten Sie in der Regel innerhalb von 2 bis 3 Werktagen, wenn die Komponenten Lagerware oder vorhanden sind. Bei komplexen Kabelbäumen dauert es länger.