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Zweitlieferant für Kabelbäume aufbauen: worauf Einkäufer achten

Ein einziger Lieferant für einen Kabelbaum ist bequem, solange alles läuft. Fällt er aus, steht die Montage. Dieser Beitrag zeigt, was eine zweite Bezugsquelle wirklich braucht, wie die Qualifizierung abläuft und welche Punkte Einkäufer früh klären sollten.

Kabelbaum auf dem Prüfbrett in unserer Fertigung
Aus unserer Fertigung: Kabelbaum auf dem Prüfbrett in unserer Fertigung.

Warum eine zweite Quelle bei Kabelbäumen anders zählt

Kabelbäume sind kundenspezifisch. Anders als bei Normteilen gibt es keinen Katalog, aus dem sich kurzfristig ein Ersatz bestellen lässt. Ein Kabelbaum besteht zwar aus Katalogteilen, aber die Kombination aus Längen, Abzweigen, Kontakten und Prüfvorgaben gibt es nur in Ihrer Zeichnung. Genau das macht die Einzelquelle hier riskanter als bei Schrauben oder Reihenklemmen.

Die Gründe für einen zweiten Lieferanten sind selten reine Preisgründe. Häufiger geht es um Verfügbarkeit: ein Maschinenausfall, ein Brand, eine Insolvenz, ein Engpass bei Steckverbindern oder schlicht eine Kapazitätsgrenze, wenn Ihre Stückzahl schneller wächst als geplant. Dazu kommen Forderungen aus Kundenaudits und aus der eigenen Risikobewertung.

Rechnen Sie ehrlich: Eine zweite Quelle kostet Geld, bevor sie das erste Teil liefert. Bemusterung, Werkzeuge, Prüfaufwand und interne Zeit fallen sofort an. Diese Kosten sind die Prämie für die Absicherung. Sie gehören in ein eigenes Budget und nicht in die Stückpreisverhandlung, sonst wird die zweite Quelle zum Sparprojekt und damit unbrauchbar.

Was den Wechsel technisch erschwert

Drei Dinge binden einen Kabelbaum an seinen bisherigen Hersteller. Wer sie kennt, kann den Aufbau der zweiten Quelle planen, statt sich überraschen zu lassen.

Am wichtigsten ist die Eigentumsfrage bei Werkzeugen. Crimpapplikatoren sind auf Kontakt und Presse abgestimmt, Spritzgusswerkzeuge für umspritzte Übergänge sind ohnehin Einzelanfertigungen. Wenn Sie diese Werkzeuge bezahlt haben, sollte das schriftlich festgehalten sein, samt Herausgabeanspruch. Ohne diese Klausel bleiben sie faktisch beim ersten Lieferanten.

  • Werkzeuge: Applikatoren und Spritzgusswerkzeuge sind kontakt- und maschinenspezifisch
  • Vorrichtungen: Nagelbrett, Prüfadapter und Prüfprogramm entstehen beim Lieferanten und sind auf genau diesen Kabelbaum zugeschnitten
  • Wissen: vieles steht nicht in der Zeichnung, sondern in gewachsener Abstimmung, etwa Bandagiermaße, die Lage einer Tülle oder welcher Leitungstyp tatsächlich verbaut wird

Welche Unterlagen der zweite Lieferant braucht

Eine Anfrage mit der Bemerkung „bitte nachbauen“ führt zu einem Preis, der nichts wert ist. Der zweite Lieferant muss denselben Kabelbaum bauen können wie der erste, nicht einen ähnlichen. Dafür braucht er einen vollständigen, freigegebenen Datensatz.

Prüfen Sie vor der Anfrage, ob dieser Datensatz bei Ihnen liegt und aktuell ist. Oft steckt der letzte freigegebene Stand beim bisherigen Lieferanten, etwa weil dort über Jahre kleine Änderungen abgestimmt wurden. Das Zusammentragen ist der eigentliche Aufwand beim Aufbau einer zweiten Quelle. Er lohnt sich auch dann, wenn die zweite Quelle nie liefert, denn danach gehört die Fertigungsunterlage wieder Ihnen.

  • Zeichnung mit Gesamtlängen, Abzweigmaßen und Toleranzen
  • Stückliste mit Hersteller und Herstellerteilenummer je Kontakt, Gehäuse, Dichtung und Blindstopfen
  • Leitungstyp mit Norm, Querschnitt und Farbe, nicht nur die Angabe 0,75 schwarz
  • Belegungsplan Pin für Pin, möglichst als Tabelle
  • Prüfvorschrift: Durchgang, Isolationswiderstand, gegebenenfalls Hochspannung, Sichtprüfung und Abnahmeklasse
  • Kennzeichnung, Verpackung und die geforderte Dokumentation je Los

Die Qualifizierung: vom Muster zur Freigabe

Bewährt hat sich ein Ablauf in drei Stufen. Zuerst ein Einzelmuster. Es zeigt vor allem, ob der Lieferant die Unterlagen richtig gelesen hat. Dann ein Erstmuster mit Prüfbericht, je nach Branche als Erstmusterprüfbericht oder als PPAP nach AIAG mit der vereinbarten Vorlagestufe. Zuletzt ein Probelos in Seriengröße, das die Serienprozesse durchläuft und nicht die Musterwerkstatt. Erst dieses Los zeigt, ob Rüstung, Prüfung und Verpackung im Takt funktionieren.

Legen Sie die Abnahmeklasse fest, bevor Muster gebaut werden. IPC/WHMA-A-620 kennt drei Klassen, von der einfachen Anwendung bis zur Anwendung mit hoher Zuverlässigkeitsanforderung. Ohne diese Festlegung vergleichen Sie am Ende zwei Kabelbäume, die nach unterschiedlichen Maßstäben gefertigt wurden, und die Diskussion dreht sich um Geschmack statt um Anforderungen.

Fragen Sie außerdem, wie der Lieferant mit Abweichungen umgeht. Ein 8D-Report mit seinen acht Schritten ist im Industrieumfeld üblich. Ebenso eine Rückverfolgbarkeit, die vom fertigen Kabelbaum zurück auf die Chargen der verbauten Leitungen und Kontakte führt. Beides sieht man dem Angebot nicht an, sondern erst beim ersten Problem. Ein Blick in die Fertigung vor der Freigabe ist deshalb selten verschwendete Zeit.

Volumen aufteilen, ohne die Qualität wandern zu lassen

Ein qualifizierter Lieferant, der nichts liefert, ist nach zwei Jahren kein qualifizierter Lieferant mehr. Personal wechselt, Prüfprogramme veralten, das Nagelbrett steht im Regal, die Applikatoren sind verliehen. Wer echte Sicherheit will, gibt der zweiten Quelle laufend Volumen.

Üblich sind drei Modelle. Eine Aufteilung von etwa 80 zu 20 hält die zweite Quelle im Takt und bleibt für die erste wirtschaftlich. Eine Aufteilung 50 zu 50 gibt die größte Sicherheit, kostet aber auf beiden Seiten Mengenvorteile und verdoppelt den Betreuungsaufwand. Die ruhende Quelle ist qualifiziert, bekommt aber keinen Serienabruf, dafür einmal im Jahr ein Wiederholmuster. Sie ist günstig, braucht im Ernstfall jedoch einen Anlauf von mehreren Wochen.

Entscheidend ist in allen drei Fällen der Änderungsstand. Jede Änderung muss an beide Lieferanten gehen, mit Bestätigung des gültigen Zeichnungsstands. Sonst entstehen still zwei Varianten desselben Kabelbaums. Solche Abweichungen fallen erst in der Montage auf, und dann sind sie teuer.

  • 80 zu 20: zweite Quelle bleibt eingespielt, Mehrkosten überschaubar
  • 50 zu 50: höchste Versorgungssicherheit, geringere Mengenvorteile
  • ruhende Quelle: günstig, dafür Anlaufzeit von mehreren Wochen im Ernstfall
  • Änderungen immer an beide Lieferanten, mit Bestätigung des Zeichnungsstands

Wie wir damit umgehen

Wenn Sie uns als zweite Quelle anfragen, beginnen wir mit der Unterlagenprüfung. Wir sagen Ihnen, was fehlt, bevor wir einen Preis nennen. Liegen nur Muster vor, nehmen wir den Kabelbaum auf und erstellen daraus eine Fertigungsunterlage, aus der später auch ein Dritter fertigen könnte. Wie ein Nachbau im Einzelnen abläuft, steht im Beitrag zum Nachbauen von Kabelbäumen.

Konstruiert wird bei uns mit EPLAN, gefertigt wird in Kitzingen, vom Muster bis zur Serie. Unser Qualitätsmanagement ist nach ISO 9001:2015 zertifiziert (DEKRA Certification GmbH). Reklamationen bearbeiten wir per 8D-Report, angelehnt an die Anforderungen der IATF 16949. Chargen und Prozesse sind seit 2019 vollständig rückverfolgbar, ESD-Arbeitsplätze gibt es seit 2011. Für die Montage nutzen wir ein modulares Nagelbrett mit eigenem A0-Plotter für die Zeichnung im Maßstab 1:1. Das verkürzt den Anlauf spürbar, gerade bei einem Kabelbaum, den es anderswo schon gibt.

Ein Angebot erhalten Sie in der Regel innerhalb von 2 bis 3 Werktagen, sofern die Komponenten ab Lager verfügbar sind. Schicken Sie uns Ihre Unterlagen über das Kontaktformular, gern auch unvollständig. Was fehlt, klären wir gemeinsam.